| COLONEL on tour |
Back to the Boots(aus: ALPENTOURER 1003)
Bikerkluft ist wichtig und sicher, aber nicht unbedingt immer auch en vogue. Der Colonel hat Stress im Dress.. Skepsis. Missbilligung. Verachtung. So könnte man den Gesichtsausdruck am besten beschreiben, den die Chefsekretärin aufsetzte, als ich in das Büro kam. Zugegeben, volle Bikermontur ist vielleicht nicht das alltägliche Outfit für eine Bank-Chefetage. Und, ja, es hatte auf dem Weg hier her satt geregnet. Vielleicht hätte ich auch die schlammige Pfütze im Baustellenbereich nicht ganz so übermütig durchpflügen sollen. Aber gleich so die Nase zu rümpfen?
Ich lehnte dankend die eisige Einladung ab, mich doch zu setzen, und versuchte, die Wartezeit möglichst unauffällig in Deckung des riesenhaften Philodendron vor dem Fenster zu verbringen. Was nicht leicht war angesichts der schmutzigen Fußabdrücke auf dem glänzenden Parkett, die direkt und unmissverständlich zum Verursacher, nämlich mir, führten. Warum eiMeine normale Reaktion in diesen Fällen wäre ziemlich entspannt ausgefallen, mein Credo hierfür lautet, wer mich will, der muss sich daran gewöhnen, dass ich Motorradfahrer in allen Lebenslagen bin. Trotzdem war mir ein wenig mulmig, immerhin war der mögliche Auftrag ein lukrativer, den ich nicht unbedingt in der Pfütze unter meinen Stiefeln untergehen sehen wollte. Vor allem: Wenn schon die Frau Chefassistentin solche Anfälle bekam, nur weil ich dem Boden vor ihrem Schreibtisch ein wenig Outdoorschliff verpasst hatte, wie mochte dann erst der Herr Direktor selbst reagieren…? Der ließ allerdings noch immer auf sich warten. Die Sekunden dehnten sich, die Designerwanduhr über dem Vorzimmerdrachens war erbarmungslos. Während sich die Assistentin bemühte mich zu übersehen, klang leiser Zweifel in mir an. Gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten einen Auftrag nicht zu bekommen, nur weil man unbedingt mit dem Zweirad… „Stopp!“, sagte ich mir. „Wenn es nicht klappt, dann soll es nicht sein. Und immerhin war ich nicht im Stau gestanden.“ „Ob der Kunde das auch so sieht?“, höhnte das Zweifelteufelchen. In diesem Moment wurde die Eingangstür aufgerissen. „Entschuldigen Sie, hat etwas gedauert, der Regen, Sie wissen ja…“ Verdattert betrachtete ich den Mann, der mich da kurz musterte und mir dann dynamisch eine nasse Pranke hinstreckte, ehe er mir den Weg zu seinem Büro wies. Ein fröhliches Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Kein Problem“, sagte ich. Die beglückende Vermutung, dass ich dem Auftrag ein großes Stück näher gerutscht war, wurde nur noch getoppt durch den Anblick der Frau Sekretärin, die seufzend die Augen verdrehte angesichts der frischen Schlammspuren, die die Bikerstiefel ihres Chefs vor ihrem Tisch hinterlassen hatten…
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