| COLONEL on tour |
Crisis – what crisis?(aus: ALPENTOURER 1101)
Biker und Saurier haben gewisse Gemeinsamkeiten. Zeit wie Alltag fordern Opfer. Colonel hat einen Alb… Wir müssen reden.“ Ich hielt den Atem an. Wenn Tom diesen Tonfall drauf hatte, dann war was im Busch. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass nur Graubärte Motorrad fahren? Kein einziger unter 35! Nur Alte. Die Bikerschaft ist am Ende“. So ganz übertrieben waren Toms Prognosen nicht. Auch ich hatte schon bemerkt, dass sich die Reihen lichten. Die Reiter werden immer älter, die Jungen haben andere Interessen oder finden ihre Freiheiten im Cyberspace.
Steph, der Erste, der ausfiel. Ausgerechnet „Mr. Muscle“, Vollblutfahrer seit je, ließ seiner verkauften Honda kein Bike mehr folgen. Und füllte die Lücke in seinem Fuhrpark – mit einem Van! Verlegene Begründung: „Die Kinder, schon so groß. Wahnsinn, wie die wachsen…“ Vor zehn Jahren hätte er uns dafür wegen Unzurechnungsfähigkeit unter einer 120 kg Langhantel begraben. Nummer zwei war Joe: Er verschrottete seine getunte Fazer an einer 80jährigen Buche in den Wildalpen, wartete noch die Gipsabnahme ab – und verkündete dann das Ende seiner 2Rad-Betätigung. „Gefährlicher“ sei es geworden auf der Straße. Norbert besaß zwar noch seine große KTM. Aber die dient längst nur mehr als Abstellregal in der Garage für Pinsel, Farbdosen und anderen Kleinkram, der schnell mal wo abgelegt und dann vergessen wird. „Ich komme gar nicht mehr zum Fahren, weißt eh, das Haus renovieren und so“. „Es ist, wie es ist“, resümierte Tom. „Wir gehören einer aussterbenden Spezies an. Und das taugt mir gar nicht“. Betrübt strapazierte ich den Vergleich mit längst tot gesagten Rock‘n‘Rollern, die ihre Klampfen entstauben und denen es gelingt, noch immer Zigtausende Open Air zu begeistern... Tom winkte ab: „Ich habe beschlossen, auch aufzuhören. Du bist der Letzte. Tut mir leid.“ Ich starrte ihn sprachlos an. Auch du, Tom? Zum Spießer mutiert, mit Haus, Hof und Hund? Vergessen die guten Zeiten auf den kurvenreichen Straßen dieser Welt? Ich spürte einen Kloß im Hals, wollte losschreien, brachte den Mund aber nicht auf. Ein Alarmklingeln durchzuckte mich. Ich fuhr hoch. Griff verwirrt zum Handy. „Hey Mann, wo bleibst du?“, sägte Toms fröhliche Stimme in mein müdes Gehirn. „Sag bloß, du hast verschlafen?“ Schweißgebadet setzte ich mich auf, blinzelte in den hellen Morgen. Dann war ich hellwach. Heute war Tourtag! Den Bikergöttern sei‘s gedankt - nur ein böser, böser Traum. Zumindest unsere Truppe setzte der Götterdämmerung Beharrlichkeit entgegen. Alle hatten sich aufgerafft, wieder einmal gemeinsam Gummi in den Asphalt zu brennen. „Bin sofort da!“, brüllte ich ins Telephon und sprang aus den Federn. „Hab nur noch mal schnell, äh, Öl nachgefüllt!“
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