| COLONEL on tour |
Candy men(aus: ALPENTOURER 1104)
Motorradfahrer sind softer als ihr Ruf. Das hat Vor- und Nachteile. Der Cheffe lud den Colonel zu Kaffee und Kuchen. Als ich noch ein kleiner Junge war, wurden Motorradfahrer gerade von den „oamen Hund“ (= können sich wohl kein anständiges Fahrzeug leisten) zu „wüden Hund“ (= fahren mit langen Haaren in ihren Lederklamotten laut und sinnlos durch die Gegend).
Für mich waren Biker damals Heroes. Unbändig, unabhängig, unerzogen. Cool, stark, schnell. Also alles, was ich als Kind nicht war. Wenn wir in Stiefvaters kackbeigem VW Variant in der langen Kolonne vom Familienausflug heimkrochen, drückte ich mir stets die Nase hinten am seitlichen Kippfenster platt, wenn dumpfes Röhren das Nahen von Zweirädern ankündigte. Die coolen Jungs brausten mit zusammengekniffenen Augen Fliegen, Fahrtwind und Gegenverkehr trotzend im dichten Pulk vorbei, überholten halsbrecherisch und grüßten einander durch Heben des Stiefels (!), nicht etwa der Hand. Gipfel der Glückseligkeit war für mich, wenn sich so ein Stahlreiter hinter uns einreihen musste, weil ein LKW das Durchrasen unmöglich machte, ungeduldig auf die nächste Gelegenheit zum Orgasgeben spähte und dann mit einem lässigen „V“ der Kupplungshand mein unablässiges Winken belohnte. Damals, ein paar Jahre nach „Easy Rider“, waren Motorradfahrer also eher als brutale Außenseiter gestempelt. Das Image blieb lange bestehen. Werde nie den verächtlichen Blick vergessen, mit dem der Portier eines Hotels in den Osttiroler Bergen mein nasses, dreckiges Gewand musterte, als ich in den 80ern nach einer brutalen Regenfahrt Unterkunft suchte und er etwas von „ausgebucht“ knurrte, obwohl auf dem Parkplatz nur sein Auto stand. Dann der große Boom in den 90ern. Plötzlich war Motorradfahren wieder in. Jeder, der es sich leisten konnte, fuhr (auch) Zweirad. Die Wirtschaft entdeckte diese Zielgruppe neu, speziell der Tourismus. Kaum eine Absteige, die heute nicht mit einem „Biker friendly“-Schild lockt. Heute sind Motorradfahrer meist grauhaarige besser verdienende Junggebliebene, die sich auf diese Weise einen Hauch von Establishmentflucht in die Garage stellen. Und die Mädels? Die zeigen sich weit weniger beeindruckt von den Bad boys in Leder, fahren dafür immer öfter selbst. Attribute wie Freiheit, Wildheit und Tempo gelten aber immer noch. Hinzu gekommen ist das „neue“ Bild vom rundum-geschützten, ABS-gebremsten freundlichen Tourenfahrer, der wohl Kohle haben muss, wenn er sich ein Motorrad leisten (ver)mag. Und so entdeckte ich vor kurzem vor jenem Alpengasthof, vor dem ich vor 20 Jahren im Regen stand, das Angebot. Handgeschrieben, Kreide auf Schiefertafel, mit einem Herzerl über jedem „i“-Punkt: „Biker-Jause special: Häferlkaffee & Kuchen“.
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