| COLONEL'S Kolumne 0902 |
Unsere tollkühnen Frauen(aus: ALPENTOURER 0902)
Wenn das Bike schwerer, der Bremsweg länger und der Rücken wärmer ist, dann weiß der gelernte Biker, dass er eine Sozia an Bord hat. Das sollte er zu schätzen wissen. Eine Verbeugung vor dem Publikum der zweiten Reihe. Motorradfahren ist und bleibt eine wunderbare Lebensschule. Wo sonst lernst du so schnell, was man zum (Über-)Leben braucht, – nämlich alle Sinne beieinander haben, neugierig und vorausschauend zu sein und das Herz am rechten Fleck zu tragen? Wo sonst zeigt sich so praktisch, wie wenig du an materiellen Dingen wirklich brauchst?
Wer einmal Topcase, Rucksack oder Packtasche für drei Wochen fern der Heimat gefüllt hat, weiß, wovon ich schreibe. Die Kostbarkeit der Energie, der Wert der (Reise-)Freiheit, das ewige Kind in dir – es gibt nichts, dass du nicht erfahren könntest. Und nicht zuletzt: Wo sonst sind wir ihnen so nah, den stillen Heldinnen unseres Gewerbes. Jenen mehr oder weniger hilflosen Wesen, die mit uns durch die Hölle und bis in den Himmel fahren, die uns durch heiß und kalt, Regen und Wind, Stau und Au, Berg und Tal folgen – ganz einfach, weil sie nicht anders können. Richtig, die Rede ist von den Sozias. Ich meine jetzt nicht die Unwürdigen, die sich schon vor dem Aufsteigen verkrampfen, ständig kreischen, vor jeder vermeintlichen Gefahr warnen und den Wechsel in den zweiten Gang mit wütendem Getrommel auf unseren Rückenprotektor begleiten. Die sind ohnehin für uns eine zum Aussterben verurteilte Rasse. Nein, ich meine jetzt all jene Mädels, die sich mit Todesverachtung (oder mangelndem Gefahrenbewusstsein) hinter uns klemmen, es den ganzen Tag auf einem Sitzplatz von der Größe eines Tischtennisschlägers aushalten, sich dem Spiel unserer Einlenk- und Bremspunkte ausliefern, und all das auf Tuchfühlung mit stark eingeschränktem vorderem Gesichtsfeld erdulden, ohne auch nur die Chance auf ein bisschen Freiraum zu haben. Keine Ahnung wie, aber sie schaffen es, es sich in der zweiten Reihe gemütlich zu machen, sich locker fest zu halten, scheinbar gewichtslos mit uns in den Kurven zu liegen – und dabei manchmal sogar weniger Pinkelpausen zu brauchen als wir! Und trotz Lamentos um „schneller-abgeriebene-Reifen-längere-Bremswege-und-trägerem-Beschleunigen-am-Passo-di-Falzarego“ musste ich schon oft zugeben, wie viel mehr eine Tour zu zweit wiegt, wenn mann dann gemeinsames Abenteuer auf Tuchfühlung und Erleben im Gleichklang auf die Waagschale legt, als die gleiche Strecke alleine gebolzt zu sein. Die Lehre aus der Geschichte: Geteiltes Leid ist nicht die halbe, sondern die doppelte Freud!
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