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Fahrbericht Ducati Scrambler Classic

Das mit Abstand vielfältigste Angebot an Motorrädern des nach wie vor wachsenden Scrambler Segments bietet derzeit Ducati. In mehreren Leistungsstufen und unterschiedlichsten Designs findet sich für fast jeden Geschmack und Einsatzzweck ein passender Klassiker. Für unseren Trip rund um den Gardasee schnappen wir uns die Version „Classic“ in Sugar White, welche sich mit 803 Kubikzentimeter Hubraum und 73 PS bei einem Preis von 10.450 Euro ziemlich mittig in Ducatis Scrambler Line-Up positioniert. 

Das Design ist im Vergleich zu Varianten wie „Desert Sled“ oder „Café Racer“ nicht sonderlich spektakulär, wartet jedoch ähnlich wie die Konkurrenz mit klassisch anmutenden Details auf. Ein tropfenförmiger Tank, Vintage-Sitzbank und Speichenräder gehören zu den eher typischen Merkmalen, die austauschbaren und deshalb individuell gestaltbaren Tankabdeckungen sind hingegen einzigartig. 

Dem naturgemäß puristischen Charakter folgt auch die Ausgestaltung der Armaturen; auf viel mehr als Drehzahl- und Geschwindigkeitsanzeige sowie Kilometerzähler muss der Käufer leider verzichten. Über den Tankfüllstand gibt einzig eine Lampe Auskunft, die ziemlich genau 47 Kilometer bevor man auf dem Trockenen sitzt zu leuchten beginnt. Der Autor hofft inständig derart genaue Angaben in Zukunft nicht nochmal machen zu müssen.

Nach Ankunft und dem Entladen des Hängers in Nago Torbole zeigen schon die ersten Kehren, was die Scrambler außergewöhnlich gut kann. Eine lässige, aber trotzdem ergonomische Sitzposition mit gerade mal 790 Millimetern Sitzhöhe suggeriert Cruiser Feeling, und in der Tat lässt es sich auf der Maschine sehr entspannt dahinrollen. Knickt sie Straße jedoch ab wird man von einer Kurvenperformance überrascht, die in der allerhöchsten Liga spielt. Mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht, fällt die Scrambler ins Eck und vermittelt dabei Stabilität und Sicherheit, wie sie manch einer sonst nur auf dem heimischen Sofa findet. 

Die folgenden Tage rund um Italiens größten See unterstreichen diesen ersten Eindruck; noch nie hatte ich so schnell das Gefühl ein Motorrad vollständig zu beherrschen. Nun ist der geneigte Ducati Kunde es zwar gewöhnt, dass durch die besser werdende Technik und Abstimmung der letzen Modelljahre auch ein Stück des ruppigen Charakters verloren gegangen ist, dennoch sollte sich eine Ducati nicht nach Honda anfühlen. Bei der Scrambler trifft dies glücklicherweise auch nicht zu. 

Zwar kann man sie durchaus als für Anfänger geeignet bezeichnen, was jedoch keineswegs Langeweile impliziert. Der desmodromisch gesteuerte Zweizylinder wummert munter das Drehzahlband hoch und runter, wobei man bei sportlicher Fahrweise kaum mehr als den zweiten Gang benötigt. Er trägt nicht nur sicher durch enge Kehren, sondern liefert auch durchweg angenehm dosierbaren Vortrieb. Dabei harmonisieren Getriebe- und Motorabstimmung so gut mit dem Kurvenverhalten, dass man sich schnell in verhältnismäßig tiefe Schräglagen vorwagt. Während in Rechtskurven der Endtopf das Limit vorgibt, können in Linkskurven die Pirelli MT60-Gummis ihr volles Potenzial entfalten. Dass serienmäßig montierte Reifen derart gut performen, ist eher die Ausnahme. Es wäre sicher noch interessant gewesen die leichten Stollen auf ihre Geländetauglichkeit zu prüfen, jedoch versperren uns am zweiten Tag dicke Betonhürden den Weg rauf auf den Schotterteil der Strada delle Tre Valli.

Trotz der bisherigen Lobrede hat auch die Scrambler ihre Grenzen, zu denen beispielsweise der Soziusbetrieb gehört. Das gesteppte Leder sieht zweifelsohne schick aus und ist auf Touren um die 200 Kilometer auch genau so bequem wie es ausschaut. Drücken jedoch zusätzliche Kilos Federbein und Polsterung um einigen Zentimeter gen Boden, haben sowohl Fahrer als auch Sozia schnell keinem Spaß mehr, wie wir feststellen durften. Der hinten steile Kniewinkel gibt seinen Teil dazu. 

Ebenfalls erwähnt werden sollte die erhöhte Hitzeentwicklung, die allen Anscheins nach auf die minimalistisch Ausführung des Kühlers zurückzuführen ist. Während die mollige Wärme bei plötzlichem Wetterumschwung auf dem Monte Baldo inklusive Temperatursturz und Hagel sehr willkommen ist, führt sie beim Tagesausflug ins ohnehin schon heiße Verona zu deutlich erhöhtem Wasserbedarf beim Fahrer. Die nassen und mit liegengebliebenem Hagel versehenen Straßen auf besagtem Berg waren für die Scrambler übrigens kein Problem.

Zuletzt noch ein nicht weltbewegendes, aber trotzdem nerviges Manko: Der Druckpunkt der Blinker-Aus-Funktion. Selbst mit dünnen Sommerhandschuhen brauche ich mitunter zwei oder drei Versuche, ehe die Indikatorleuchte erlischt.

Zusammengefasst dürften diese Kleinigkeiten jedoch für die meisten angehenden Ducatisti eine eher untergeordnete Rolle spielen, denn den Fahrspaß im Solobetrieb trübt dies nicht. Wo hier Scrambler drauf steht, bekommt man eine unglaublich vielfältig einsetzbare, wendige Maschine, die einfach zu beherrschen ist und sich durch ihre absolut beeindruckende Kurvenperformance auszeichnet. Einzig ein Quäntchen mehr Leistung im unteren Drehzahlbereich wäre manchmal wünschenswert gewesen – aber dafür gibt es dann ja die 1100er.


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